C R O S S O V E R

Altäre für katholische Atheisten


Wenn Dieter Manhartsberger von seinen Arbeiten behauptet, sie stellten eine bisweilen kritische und ironische Auseinandersetzung mit unserer techniklastigen Zivilisation dar, so nehme ich mir die Freiheit heraus und interpretiere sie genau umgekehrt: Sie sind der ironische Rest dessen, was heute an Spiritualität noch möglich ist.
Ich habe zwei seiner aus Computerschrott und kitschigen Devotionalien hergestellten Schreine in meinem Wohnzimmer hängen. Den ersten kaufte ich mir, als ich einen hochrangigen ÖVP-Politiker zu Gast hatte, der mir niemals Antwort auf die Frage geben wollte, weshalb ein Mensch, der so gescheit ist wie er, ein gläubiger Katholik sein könne. Den zweiten Schrein bekam ich von Dieter zum Geburtstag geschenkt. Beide Werke erfreuen mich alle Tage, wenn ich sie sehe, und bringen mich zum Lachen, wenn ich sie meinen Gästen erkläre. Leider hatten nämlich die Götter, als wir sie abschufen, nicht die Freundlichkeit, auch unsere Sehnsucht nach Spiritualität, Ritualen und dem Numinosen mitzunehmen. Gottlos sehnen wir uns daher weiterhin nach Göttern, dem fragwürdigen Versprechen eines ewigen Lebens und jenseitiger Paradiese und haben die Wahl, uns entweder gegen die Vernunft zu versündigen, indem wir gläubig bleiben und intellektuell vor Aberglauben und Esoterik kapitulieren. Oder indem wir uns einem knöchernen Atheismus verschreiben, der den genussvollen Selbstbetrug des Religiösen als Todsünde ahndet. 
Eine katholisch geprägte Kulturlandschaft wie die unsere hat immer schon einen menschlichen dritten Weg gekannt. Und Heiligtümer Dieter Manhartsbergers sind der Beweis, dass dieser Weg auch heute noch gangbar ist. Es ist der Weg des katholischen Atheisten, der die Mitternachtsmette besucht und bei Franz Schuberts Deutscher Messe gerührt mitsingt. Aber natürlich kein Wort von den Texten glaubt, die der Musik unterlegt sind. Es ist der Weg der europäischer Buddhisten, Taoisten und Hinduisten, die ihr Leben in den Glanz fremder Altäre tauchen, weil es dem naturwissenschaftlichen Zeitalter niemals gelungen ist, die Erkenntnis der Welt zu einem Fest zu machen. Wobei das grandios Ehrliche an Manhartsbergers Versuchen, das Heilige für die Gegenwart noch einmal zu retten, darin besteht, dass seine Altäre aus dem Material genau jener Rechenmaschinen gefertigt sind, welche die Götter, Halbgötter und Patrone von ihren Podesten stießen. Unter der Voraussetzung, dass alles märchenhaft und nichts davon wahr ist, wird ihnen die prekaristische Rückkehr erlaubt, ohne dass es je Absicht des Künstlers wäre, die Grenze von Ironie und Blasphemie zu überschreiten.

Alois Schöpf, Mai 2011

________________________________________________________________________________



ARBEITEN 2001 - 2007


Das Sichtbarmachen von ästethischen Strukturen, die in Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs verborgen sind, ist eine der Grundanliegen meiner Arbeit. Wie in einem archäologischen Projekt arbeite ich mich Schicht für Schicht durch das Objekt und verbinde dann die Fundstücke mit meinen Assoziationen aus Gegenwart und vergangenen Epochen. Mit dieser Absicht zerlege ich die oft hochwertigen technischen Geräte, deren spurloses Verschwinden im Schrott vorprogrammiert ist. Die mir bedeutsamen Einzelteile konserviere ich in meinen Objekten und erhalte sie damit als Fossilien unseres technischen Zeitalters für spätere Generationen. Crossover bedeutet für mich die Überschreitung der Grenzen zwischen Technik und Magie, Starrheit und Bewegung, zwischen Gestern und Heute. Licht- und Schattenseiten der heutigen digital vernetzten und verletzten Welt erhalten in den Bild - Objekten neue Bedeutung. Mit den Arbeiten möchte auch beweisen, daß die scheinbar unüberwindliche Macht der Technik und deren Protagonisten, dem menschlichen Humor nicht widerstehen können. Einen nicht unbedeutenden Seitenblick riskiere ich auf die Wunderkammer im Schloß Ambras, mit deren detailverliebten Exponaten ich mich besonders verbunden fühle. In diesem Sinne arbeite ich an einer Sammlung von vergleichbaren Kuriositäten unserer Zeit, die zum Teil mit Licht-, Ton- und Bewegungsfunktionen ausgestattet sind. Die zufällig gefundenen Ethno Rahmen gaben mit ihrer verbo(r)genen Botschaft den Anstoß zu dieser Serie von Objekten und stellten ein programmatisches Bindeglied dar. Die neueren Arbeiten haben sich inzwischen von diesen Rahmen gelöst. Jedes Stück erzählt seine eigene, meist etwas schräge Geschichte, die ich in den Begleittexten niedergeschrieben habe. Eine Auswahl davon ist unter diesem Titel zu finden. Eine Liste aller Arbeiten dieser Serie ist unter Werkliste zu finden.


____________________________________________________________

 

E I N F Ü H R U N G S T E X T  G A L E R I E  N O T H B U R G A,
21. 2. 2006


Dieter Manhartsberger, Jurist und Steuerfachmann, der auch klassische Archäologie studiert hat, ist als Künstler Autodidakt.
Schon als Kind und Jugendlichen beeindruckten ihn die in der Wunder- und Kuriositätenkammer in Schloß Ambras liebevoll zusammengetragenen Skurrilitäten und halbmechanischen Spielzeuge. In seiner Arbeit wurde er von Professor Franz Lettner ermutigt und gefördert.
In den hier ausgestellten Werken ist es das Anliegen des Künstlers, aufzudecken, was unter technischen Oberflächen ist und dies ins Bewusstsein zu holen. Zu diesem Zweck hat Manhartsberger unzählige Computer geschlachtet und in ihre Einzelteile zerlegt, teilweise sogar abgeschliffen und so ihre innerste Struktur zum Vorschein gebracht. Diese Bausteine, Datenträger, in denen ungeheuer viel Arbeit und Wissen steckt, sind im Erwerb sehr teuer, zeigen aber erschreckend deutlich, wie schnell in der heutigen Zeit etwas zu Schrott und Abfall wird. Diesen Abfall, der von beeindruckender Ästhetik ist, holt der Künstler aus seiner Anonymität und setzt ihm ein Denkmal.
Die große Stele erinnert an einen Totempfahl. Ihre Oberfläche ist aus unzähligen Bauteilen und Datenträgern zusammengesetzt. Sie ist ein Denkmal für die Schönheit und Genialität der Technik. Datenträger von ältesten und neueren Computergenerationenzeigen in ihren gedruckten Schaltungen eine verblüffende Ähnlichkeit mit den magischen Zeichen von alten Kulturen, wie man am oberen Abschluß der Stele sehen kann. Sie zeigt ein Detail aus dem Sonnentor von Tiahuanaco.
Die kleinen Objekte haben den Charakter von Schaukästen, Kapellen, Schreinen, Hausaltären, Votivgaben an die Götter der Technik.
Ihre Ethno-Rahmen umgeben wie ein Energiefeld, wie eine Aura die kulturelle Reibungsfläche zwischen der Technik und den Grundbedürfnissen der Menschen.
Die Themen dieser Schreine sind angeregt durch Filme, sie zeigen die Technikgläubigkeit auf, verbinden Tagesgeschehen mit historischen oder literarischen Vorlagen, haben religiöse Bezüge, behutsam dargestellt und inhaltlich stimmig.
Manche Objekte bekommen durch Mechanik und Ton eine zusätzliche beklemmende Dimension. In vielen ist die Mechanik getarnt. Wir sehen schon gar nicht mehr, was sich vor unseren Augen als technische Realität abspielt.
Meine Damen und Herren, liebe Freunde der Galerie Nothburga, ich lade Sie ein, sich die Objekte des Künstlers Dieter Manhartsberger mit Muße anzuschauen und in allen Details auszuprobieren. Sie werden in ihnen eine menge zum Nachdenken finden.
Gaby Nepo - Stieldorf


____________________________________________________________


Kritiken Crossover
Bunte Gegenwelten


… Rund 50 bis 60 Computer hat Dieter Manhartsberger zerlegt, um seine skurrilen Wunderkammerstücke von heute zu bauen. Weitere Ingredienzien sind Spielzeugtiere und -pflanzen, alte Handys und Scherzartikel sowie afrikanisch anmutende Rahmen.
Mit untrüglichem Gespür für das Schräge hat Manhartsberger daraus teilweise interaktive Reliquien unserer Zeit gebastelt, denen eine gewisse Archaik nicht abgeht.
Dr. Edith Schlocker, TT 2. März 2006


Katzen, Zitronen, Drähte


Zwei Künstler lockten auch prominente Kollegen in die Innsbrucker Galerie Nothburga: Veronika Gerber und Dieter Manhartsberger. Und beide zogen Besucher auf ihre Art in den Bann. Gerber mit ihren farbenfrohen Dingen des Alltags und Dieter Manhartsberger mit seinen technischen Objekten. Er verwertet u.a. das Innenleben ausrangierter Computer für seine Objekte. Den Haller Künstler Hellmut Bruch faszinierte vor allem der technische Buddha, "der so elegant zu Gerbers Bildern überleitet"
TT 23. Februar 2006